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Am 13. Mai 2024 veröffentlichte die OECD eine Analyse zur Finanzkompetenz in Deutschland, die sowohl das Finanzkompetenzniveau der Bürgerinnen und Bürger als auch das bestehende Finanzbildungsangebot beleuchtet. Die Studie zeigt, dass die Finanzkompetenz im internationalen Vergleich gut ist, jedoch deutliche Lücken in bestimmten Themenbereichen und Bevölkerungsgruppen bestehen. Insbesondere Kinder, Frauen und Personen mit niedrigerem Einkommen müssen gezielter angesprochen werden. Die Analyse identifiziert fünf Handlungsfelder für die Finanzbildung, darunter langfristiges Sparen, Kapitalmarktbeteiligung und die sichere Nutzung digitaler Finanzdienstleistungen. Zudem wird die Bedeutung einer nationalen Finanzbildungsstrategie hervorgehoben, die im Herbst 2024 veröffentlicht werden soll, um die finanzielle Resilienz und das finanzielle Wohlergehen in Deutschland zu stärken.
Am 13. Mai 2024, die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) veröffentlichte eine umfassende Bestandsaufnahme zur Finanzkompetenz der Bürgerinnen und Bürger in Deutschland. Der Bericht analysiert sowohl das gegenwärtige Finanzkompetenzniveau als auch die vorhandenen Finanzbildungsangebote, und beleuchtet signifikante Lücken in bestimmten Themenbereichen und Bevölkerungsgruppen. Trotz einer relativ hohen finanziellen Kompetenz im internationalen Vergleich, deutet der Bericht auf die Notwendigkeit einer nationalen Finanzbildungsstrategie hin, um die finanzielle Resilienz und das Wohlergehen der Bevölkerung nachhaltig zu fördern.
Einleitung zur Finanzbildung in Deutschland
Finanzielle Bildung ist nicht nur ein persönlicher Vorteil, sondern auch ein gesellschaftliches Gut. In modernen marktwirtschaftlichen Gesellschaften ist Finanzkompetenz eine grundlegende Voraussetzung für eine aktive und informierte Teilhabe an ökonomischen Prozessen. Diese Art von Bildung ermöglicht es den Menschen, ihre wirtschaftlichen Umstände zu erkennen, zu analysieren und bewusste Entscheidungen zu treffen. Die Bundesregierung unter der Leitung von Bundesfinanzminister Christian Lindner und Bundesbildungsministerin Bettina Stark-Watzinger hat 2023 eine offizielle Initiative ins Leben gerufen, um die finanzielle Bildung in Deutschland nachhaltig zu steigern. Im Rahmen dieser Initiative erfolgt eine enge Zusammenarbeit mit der OECD zur Entwicklung einer nationalen Finanzbildungsstrategie.
Finanzielle Resilienz und Wohlergehen
Die finanzielle Resilienz steht im Mittelpunkt der Analyse der OECD. Sie beschreibt die Fähigkeit von Einzelpersonen oder Haushalten, sich gegenüber plötzlichen finanziellen Schocks zu behaupten und wiederzuerlangen. Ein entscheidendes Ziel der finanziellen Bildung ist die Förderung des finanziellen Wohlstands, der sowohl objektive als auch subjektive Dimensionen umfasst. Dazu gehören die Kontrolle über die eigenen Finanzen, das Erreichen finanzieller Ziele und das Vermögen, unerwartete Ausgaben bewältigen zu können. Trotz der Bedeutung finanzieller Resilienz zeigt die OECD-Analyse, dass viele Bürgerinnen und Bürger in Deutschland hier noch Defizite aufweisen und daher Unterstützung benötigen.
Ergebnisse der OECD-Analyse zur Finanzkompetenz
Im ersten Teil des Berichts wird das Finanzkompetenzniveau der deutschen Bevölkerung untersucht. Die Analyse zeigt, dass, obwohl mehr als die Hälfte der Erwachsenen zuversichtlich mit ihren finanziellen Plänen umgeht, es einige alarmierende Statistiken gibt. Beispielsweise haben laut der Umfrage von 2022, die von der Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) durchgeführt wurde, nur 25 Prozent der Befragten ausreichende finanzielle Mittel, um die Lebenshaltungskosten im Falle eines Verlusts der Haupteinnahmequelle für mehr als drei Monate zu decken.
Ein weiteres besorgniserregendes Ergebnis ist, dass mehr als 30 Prozent der Teilnehmer nicht wissen, dass Kryptowährungen keine gesetzlichen Zahlungsmittel sind. Dies sind nur einige der Lücken, die die OECD herausgearbeitet hat und die dringendes Handeln bei der >Finanzbildung erfordern.
Thematische Lücken in der Finanzkompetenz
Die OECD-Analyse hebt fünf zentrale Themenfelder hervor, in denen besondere Aufmerksamkeit nötig ist:
- Langfristiges Sparen und Altersvorsorge: Nur 52 Prozent der erwerbstätigen Erwachsenen fühlen sich hinsichtlich ihrer Altersvorsorgepläne sicher.
- Beteiligung am Kapitalmarkt: Während 90 Prozent der Erwachsenen Geld sparen, investieren nur 18 Prozent in Kapitalmarktprodukte.
- Verantwortungsvolle Kreditnutzung: Über 80 Prozent nutzen Kreditprodukte, allerdings sind Schuldenberatung und Überschuldung weit verbreitet.
- Sichere Nutzung digitaler Finanzdienstleistungen: Weniger als die Hälfte der Erwachsenen fühlt sich sicher im Umgang mit digitalen Finanzdienstleistungen.
- Nachhaltige Finanzierungsoptionen: Trotz des Interesses an nachhaltigen Geldanlagen haben nur 15 Prozent der Befragten solche Produkte.
Finanzkompetenz bestimmter Bevölkerungsgruppen
Die Analyse zeigt außerdem, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen besonders von Finanzbildungsdefiziten betroffen sind. Frauen beispielsweise erreichen im Durchschnitt ein niedrigeres Finanzwissen als Männer. In den meisten Kernfragen zur finanziellen Bildung schneiden Frauen schlechter ab, was nicht nur auf einen Mangel an Wissen schließen lässt, sondern auch auf ein geringer ausgeprägtes Selbstvertrauen in finanzielle Entscheidungen. Statistiken zeigen, dass Frauen von ihrem Renteneinkommen durch häufigere Karriereunterbrechungen deutlich benachteiligt sind.
Außerdem gilt, dass Personen mit niedrigem Einkommen und Bildungsniveau häufig weniger finanzielle Kompetenz besitzen. Junge Erwachsene sind besonders wissbegierig und möchten mehr über Altersvorsorge und den Umgang mit Geld erfahren. Diese Unterschiede machen offensichtlich, dass eine zielgerichtete Ansprache dieser Gruppen notwendig ist, um ihre finanzielle Bildung nachhaltig zu verbessern.
Bestandsaufnahme der Finanzbildungsangebote in Deutschland
Im weiteren Verlauf des Berichts analysiert die OECD die bestehenden Finanzbildungsangebote in Deutschland. Es wird festgestellt, dass eine Vielzahl von Initiativen vorhanden ist, die sich mit der Verbesserung der finanziellen Kompetenz der Bürgerinnen und Bürger beschäftigen. Mehr als 120 öffentliche, private und gemeinnützige Akteure haben sich an der Analyse beteiligt, die zeigt, dass über 70 Prozent der angebotenen Initiativen kostenlos sind und bundesweit durchgeführt werden.
Die gängigsten Formate, in denen diese Bildungsinitiativen stattfinden, sind Seminare und Webinare. Dennoch lässt die Analyse auch erkennen, dass es Defizite bei der Anpassung der Angebote an spezifische Zielgruppen gibt. Insbesondere die Zielgruppe der Frauen und von einkommensschwachen Menschen ist nicht ausreichend abgedeckt. Nur etwa 10 Prozent der Initiativen richten sich gezielt an diese Gruppen, was ein deutliches ungenutztes Potential darstellt.
Bedarf an empirischer Forschung und Evaluierung
Ein weiterer kritischer Punkt, den die OECD herausarbeitet, ist die Notwendigkeit mehr empirischer Forschung und Evaluierung. Der Großteil der Finanzbildungsinitiativen stützt sich nicht ausreichend auf empirische Erkenntnisse, was bedeutet, dass viele Programme nicht optimal auf die Bedürfnisse ihrer Zielgruppen abgestimmt sind. Es wird festgestellt, dass lediglich 50 Prozent der Initiativen ein effektives Monitoringsystem haben, während es an fundierten Evaluierungen fehlt, die die Effektivität der Programme beurteilen könnten.
Empfehlungen der OECD für eine nationale Finanzbildungsstrategie
Angesichts der festgestellten Lücken und Herausforderungen formuliert die OECD einige klare Empfehlungen für die Entwicklung einer nationalen Finanzbildungsstrategie. Dazu zählt die Identifizierung und Schaffung zielgerichteter Programme, die speziell auf die zuvor identifizierten Defizite in der Finanzkompetenz der Gesellschaft abzielen.
- Themen von besonderer Relevanz priorisieren: Bestimmte Lücken in der finanziellen Bildung sollten durch geeignete Maßnahmen geschlossen werden.
- Zielgenaue Ansprache: Bevölkerungsgruppen mit speziellen Bedürfnissen sind gezielt anzusprechen, um den Zugang zu den Finanzbildungsangeboten zu verbessern.
- Methodik der Finanzbildungsinitiativen verbessern: Der Einsatz von aktuellen Forschungsergebnissen und eine systematische Evaluierung der Finanzbildungsangebote sind notwendig, um deren Wirksamkeit zu steigern.
Die Rolle der Bundesregierung und Ausblick
Die Empfehlungen der OECD wurden von der Bundesregierung ernst genommen und werden in die Entwicklung der Finanzbildungsstrategie integriert, die für den Herbst 2024 geplant ist. Ziel ist es, die finanzielle Bildung in Deutschland nachhaltig zu stärken und die finanzielle Resilienz der Bürgerinnen und Bürger langfristig zu fördern.
Zudem wird die „Initiative Finanzielle Bildung“ die Forschung zu diesem Thema intensiver fördern, um zu gewährleisten, dass nachhaltige Bildungsangebote entwickelt werden, die effektiv im Alltag umgesetzt werden können. Ein Beispiel hierfür ist die bereits bestehende Forschungsförderrichtlinie des BMBF, die darauf abzielt, innovative Forschungsprojekte zu initiieren.
Schlussfolgerungen und Ausblick
Insgesamt belegt die OECD-Analyse eindringlich den stetigen Bedarf an Maßnahmen zur Verbesserung der Finanzkompetenz in Deutschland. Uneinheitliche Bildungsangebote, gepaart mit den vorhandenen Wissenslücken in bestimmten Bevölkerungsgruppen, verdeutlichen die Dringlichkeit einer nationalen Strategie zur finanziellen Bildung. Diese müsse empirisch fundiert und breit gefächert sein, um allen Bürgerinnen und Bürgern gerecht zu werden.
Die vollständige OECD-Analyse zur finanziellen Bildung in Deutschland kann auf der offiziellen Webseite der OECD eingesehen werden und bietet weitere wertvolle Einblicke in die Finanzbildungslandschaft des Landes.

Tätigkeiten und Reaktionen auf den OECD-Bericht zur Finanzkompetenz in Deutschland
Der BMF-Bericht vom Mai 2024, der auf der Analyse der OECD basiert, hat in der Öffentlichkeit für großes Aufsehen gesorgt. Viele Bürgerinnen und Bürger äußerten sich besorgt über die ermittelten Lücken in der Finanzkompetenz. Besonders die Tatsache, dass über 30 Prozent der Befragten nicht wissen, dass Kryptowährungen keine gesetzlichen Zahlungsmittel sind, führte zu einer Diskussion über die Dringlichkeit der Finanzbildung.
Eine Lehrerin aus Berlin, die regelmäßig Finanzbildung im Unterricht integriert, kommentierte: „Es ist erschreckend, wie wenig Verständnis viele Schüler und Studentinnen für grundlegende Finanzkonzepte haben. Der Bericht zeigt uns, dass unsere Bildungseinrichtungen mehr tun müssen, um die Jugend auf die finanziellen Herausforderungen des Lebens vorzubereiten.“
Ein Vertreter einer gemeinnützigen Organisation, die sich mit der Förderung von Finanzbildung beschäftigt, äußerte sich ebenfalls zu den Ergebnissen des Berichts: „Wir sehen die Notwendigkeit, spezifische Programme für benachteiligte Bevölkerungsgruppen zu entwickeln. Der Bericht hebt deutlich hervor, dass gerade Frauen und Menschen mit niedrigem Einkommen besondere Unterstützung benötigen.“
Ein Bankangestellter in Stuttgart sprach über die Herausforderungen, die sich aus den Ergebnissen ergeben: „Es ist frustrierend, zu sehen, dass trotz der Vielfalt an Finanzbildungsangeboten viele Menschen nicht in der Lage sind, grundlegende finanzielle Entscheidungen zu treffen. Wir müssen stärker zusammenarbeiten, um Informationen und Ressourcen bereitzustellen, die alle erreichen.“
Ein Student, der kürzlich einen Finanzkurs besucht hat, merkte an: „Ich hätte nie gedacht, wie wichtig es ist, sich mit finanzieller Bildung zu beschäftigen. Der Bericht macht deutlich, dass wir junge Menschen viel früher an diese Themen heranführen müssen, um ihre finanzielle Resilienz zu stärken.“
Zusammenfassend zeigt die Reaktion der Gesellschaft auf den OECD-Bericht, dass der Bedarf an einer nationalen Finanzbildungsstrategie unumstritten ist. Viele Akteure aus Bildung, Wissenschaft und Zivilgesellschaft sind bereit, aktiv an der Verbesserung der Finanzkompetenz in Deutschland mitzuwirken.
