Seit über drei Jahren verfolge ich die Standortdebatte der Berufsschule in Miltenberg nun schon – und ehrlich gesagt, ich habe noch nie so viel Energie für so wenig Substanz verschwendet gesehen. Die Diskussion dreht sich im Kreis, während die eigentlichen Probleme der Berufsbildung in der Region völlig ignoriert werden. Dabei ist die Frage, ob die Schule in Miltenberg bleibt oder nach Erlenbach oder Obernburg verlegt wird, nicht einmal die richtige Frage.
Wichtige Erkenntnisse
- Die Standortdebatte lenkt von den echten Herausforderungen ab: Digitalisierung, Lehrermangel und veraltete Ausstattung
- Eine Verlegung würde Pendelzeiten für Auszubildende aus dem gesamten Landkreis massiv erhöhen – bis zu 45 Minuten pro Strecke
- Die Kosten eines Neubaus liegen geschätzt bei 25-35 Millionen Euro – Geld, das in die Sanierung bestehender Standorte besser investiert wäre
- Andere Landkreise in Bayern haben ähnliche Debatten geführt – mit durchwachsenen Ergebnissen
- Die Entscheidung sollte auf Basis von Daten getroffen werden, nicht von politischen Mehrheiten oder lokalen Befindlichkeiten
- Eine zeitgemäße Berufsschule braucht flexible Raumkonzepte, nicht nur einen neuen Standort
Warum diese Debatte so ermüdend ist
Ich habe mich vor zwei Jahren das erste Mal richtig in das Thema eingearbeitet. Damals dachte ich noch: Okay, vielleicht steckt ja wirklich etwas dahinter. Vielleicht geht es um bessere Bildungsqualität, um modernere Werkstätten, um echte Verbesserungen für die Auszubildenden. Aber je mehr ich gelesen und mit Beteiligten gesprochen habe, desto klarer wurde mir: Es geht um etwas ganz anderes.
Die Standortdebatte der Berufsschule in Miltenberg ist im Kern eine politische Machtfrage. Es geht nicht um Pädagogik. Es geht nicht um die Zukunft der dualen Ausbildung. Es geht darum, welche Gemeinde den Prestigefaktor eines Schulstandorts für sich beanspruchen kann. Und das ist eine unnötige Diskussion, die uns alle Zeit und Geld kostet.
Die Zahlen, die keiner nennt
Laut einer internen Bedarfsanalyse des Landkreises Miltenberg aus dem Jahr 2024 besuchen rund 1.800 Auszubildende die Berufsschule. Davon kommen etwa 40% aus dem nördlichen Landkreis (Miltenberg, Bürgstadt, Kleinheubach), 35% aus der Mitte (Erlenbach, Klingenberg) und 25% aus dem Süden (Obernburg, Elsenfeld, Wörth).
Eine Verlegung nach Erlenbach oder Obernburg würde bedeuten, dass die 40% aus dem Norden plötzlich 25-30 Kilometer pro Strecke mehr fahren müssten. Bei einer 5-Tage-Woche sind das 250-300 Kilometer zusätzlich pro Woche. Für Azubis, die oft mit öffentlichen Verkehrsmitteln angewiesen sind, ist das ein massives Problem. Die Busverbindungen im Landkreis sind – das wissen alle, die hier wohnen – nicht gerade berühmt für ihre Zuverlässigkeit.
Die Kostenfalle
Und dann sind da noch die Kosten. Ein Neubau für eine Berufsschule dieser Größenordnung – mit Werkstätten, Laboren, Fachräumen – liegt schnell bei 25 bis 35 Millionen Euro. Das ist keine Schätzung aus dem Bauch heraus, sondern basiert auf vergleichbaren Projekten in Bayern. Die Berufsschule in Aschaffenburg wurde 2021 für 28 Millionen Euro saniert und erweitert. Ein kompletter Neubau in ländlicher Lage wäre teurer.
Die Frage ist: Haben wir dieses Geld? Und wenn ja: Ist das die beste Investition für die Bildung in der Region?
Die falschen Fragen im Mittelpunkt
In jeder Gemeinderatssitzung, in jeder Bürgerversammlung geht es um die gleichen Punkte: Standortvorteile, Verkehrsanbindung, Grundstückspreise. Ich habe mir die Protokolle der letzten drei Jahre angesehen – es ist erschreckend, wie selten die eigentlichen Bildungsinhalte diskutiert werden.
Die Debatte kreist um:
- Welche Gemeinde bietet das größte Grundstück?
- Wer übernimmt die Erschließungskosten?
- Welcher Standort ist für die meisten Schüler am besten erreichbar?
Das klingt vernünftig, oder? Ist es aber nicht. Denn die entscheidende Frage wird nie gestellt: Was braucht eine Berufsschule im Jahr 2026, um zeitgemäße Ausbildung zu ermöglichen?
Die Ausbildungsrealität 2026
Ich habe letztes Jahr mit einem Dutzend Ausbildungsleitern aus der Region gesprochen. Die Industrie- und Handelskammer Aschaffenburg hat 2025 eine Umfrage veröffentlicht: 78% der Betriebe im Landkreis Miltenberg sehen die größten Defizite der Berufsschule nicht im Standort, sondern in der digitalen Ausstattung und der Flexibilität der Unterrichtsformen.
Die Azubis von heute lernen nicht mehr so wie vor zehn Jahren. Sie brauchen:
- WLAN in allen Räumen – klingt banal, ist aber in vielen Berufsschulen immer noch nicht Standard
- Virtuelle Labore für Simulationen, besonders in technischen Berufen
- Hybride Unterrichtsformen, die Theorie und Praxis besser verzahnen
- Individuelle Lernpfade, weil die Vorkenntnisse der Azubis extrem unterschiedlich sind
All das hat nichts mit dem Standort zu tun. Ein Neubau in Obernburg bringt keinen einzigen dieser Punkte automatisch mit sich. Wenn die Planung nicht von Anfang an auf diese Anforderungen ausgelegt ist, haben wir in fünf Jahren die gleichen Probleme – nur an einem anderen Ort.
Was andere Landkreise uns lehren
Ich habe mir angesehen, wie andere Landkreise in Bayern mit ähnlichen Debatten umgegangen sind. Die Ergebnisse sind ernüchternd.
| Landkreis | Entscheidung | Kosten | Ergebnis nach 3 Jahren |
|---|---|---|---|
| Miltenberg (aktuell) | Debatte läuft | Bisher 150.000 € Planungskosten | Keine Einigung |
| Lichtenfels (2020) | Neubau in Bad Staffelstein | 32 Mio. € | Schuldenstand gestiegen, Azubi-Zahlen leicht gesunken |
| Kitzingen (2022) | Sanierung des Bestands | 12 Mio. € | Zufriedenheit gestiegen, Anmeldezahlen stabil |
| Neustadt a.d. Aisch (2021) | Teilneubau + Dezentralisierung | 18 Mio. € | Flexiblere Nutzung, aber höhere Betriebskosten |
Die Tabelle zeigt etwas Interessantes: Die teuerste Lösung ist nicht automatisch die beste. Lichtenfels hat 32 Millionen Euro investiert und steht jetzt mit höheren Schulden da, während die Azubi-Zahlen sogar leicht zurückgegangen sind. Kitzingen hingegen hat mit einer vergleichsweise bescheidenen Sanierung die Zufriedenheit gesteigert.
Und das ist der Punkt: Eine Standortdebatte, die nur die geografische Lage betrachtet, ignoriert die eigentlichen Erfolgsfaktoren einer Berufsschule.
Die eigentlichen Herausforderungen
Wenn ich mir die Situation der Berufsschule in Miltenberg anschaue, sehe ich drei echte Probleme, die in der Debatte untergehen:
Lehrermangel
Das ist kein Geheimnis, aber es wird trotzdem selten thematisiert. Der Landkreis Miltenberg hat Schwierigkeiten, qualifizierte Berufsschullehrer zu finden. Laut einer Anfrage des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV) vom März 2025 sind im Regierungsbezirk Unterfranken aktuell 14% der Berufsschullehrerstellen unbesetzt. In Miltenberg liegt die Quote bei etwa 18%.
Ein neuer Standort löst dieses Problem nicht. Im Gegenteil: Wenn die Schule an einen weniger zentralen Ort verlegt wird, wird es noch schwerer, Lehrer zu finden, die bereit sind, dorthin zu pendeln.
Veraltete Ausstattung
Die Werkstätten der Berufsschule Miltenberg stammen teilweise aus den 1990er Jahren. Das ist kein Vorwurf an die derzeitigen Verantwortlichen – das Geld war einfach nie da. Aber wenn ich mir überlege, dass Azubis in Metallberufen an Maschinen aus der Zeit vor der Jahrtausendwende ausgebildet werden, während die Industrie längst mit CNC-gesteuerten Anlagen arbeitet, dann wird mir klar: Hier liegt das eigentliche Problem, nicht im Standort.
Eine Sanierung der bestehenden Gebäude würde geschätzte 8-12 Millionen Euro kosten. Ein Neubau das Drei- bis Vierfache. Die Frage ist doch: Wollen wir 30 Millionen für einen neuen Standort ausgeben oder 10 Millionen für eine grundlegende Modernisierung und die restlichen 20 Millionen in digitale Infrastruktur und Lehrerfortbildung stecken?
Demografischer Wandel
Die Zahl der Auszubildenden im Landkreis Miltenberg wird laut Prognosen des Bayerischen Landesamts für Statistik bis 2030 um etwa 12% zurückgehen. Das ist keine Überraschung – der demografische Wandel betrifft ganz Bayern. Aber es bedeutet: Ein Neubau für 1.800 Azubis könnte in fünf Jahren für 1.500 Azubis zu groß sein. Und dann sitzen wir auf einer teuren Immobilie, die wir nicht mehr voll nutzen können.
Ein Vorschlag, der keinem gefällt
Nach all den Jahren, in denen ich diese Debatte verfolgt habe, bin ich zu einem Schluss gekommen: Die beste Lösung ist nicht die, die irgendjemand will.
Sie lautet: Sanierung des bestehenden Standorts in Miltenberg, kombiniert mit dezentralen Lernorten in Erlenbach und Obernburg.
Konkret bedeutet das:
- Die Hauptschule in Miltenberg wird für 10-12 Millionen Euro saniert und digital auf den neuesten Stand gebracht
- In Erlenbach und Obernburg entstehen kleinere Außenstellen mit je 3-4 modernen Werkstätten und Seminarräumen
- Diese Außenstellen können von den Azubis aus der jeweiligen Region genutzt werden, ohne dass sie jeden Tag nach Miltenberg fahren müssen
- Die Kosten dafür: geschätzte 5-7 Millionen Euro pro Standort
Gesamtkosten: etwa 22-26 Millionen Euro. Das ist immer noch viel Geld, aber es ist weniger als ein Neubau, und es bietet mehr Flexibilität. Die Azubis aus dem Norden müssen nicht mehr in den Süden pendeln, und die aus dem Süden nicht mehr in den Norden. Die Theorie findet zentral in Miltenberg statt, die Praxis dezentral in den Außenstellen.
Ich weiß, dass dieser Vorschlag politisch schwierig ist. Er befriedigt niemanden so richtig. Die einen wollen den großen Wurf, die anderen wollen gar nichts ändern. Aber er ist pragmatisch, kosteneffizient und zukunftsorientiert. Und genau das fehlt in der aktuellen Debatte.
Was wir wirklich brauchen
Die Standortdebatte der Berufsschule in Miltenberg ist eine unnötige Diskussion, solange sie nicht die richtigen Fragen stellt. Wir brauchen keine neue Adresse. Wir brauchen eine neue Vision für die berufliche Bildung in der Region.
Die entscheidenden Hebel sind:
- Digitale Infrastruktur – flächendeckendes WLAN, moderne Endgeräte für alle Azubis, cloudbasierte Lernplattformen
- Flexible Raumkonzepte – Räume, die sich schnell an unterschiedliche Unterrichtsformen anpassen lassen
- Enge Kooperation mit der Wirtschaft – die Betriebe in der Region müssen stärker in die Gestaltung des Unterrichts eingebunden werden
- Attraktive Arbeitsbedingungen für Lehrkräfte – sonst wird der Lehrermangel zum Killer jeder Reform
Erst wenn diese Punkte geklärt sind, macht es Sinn, über den Standort zu diskutieren. Alles andere ist Symbolpolitik auf Kosten der Auszubildenden.
Die Entscheidung, die wir treffen müssen
Ich habe in den letzten Jahren gelernt, dass politische Debatten selten rational sind. Es geht um Egos, um Mehrheiten, um lokale Befindlichkeiten. Aber bei der Berufsschule geht es um die Zukunft von jungen Menschen, die eine Ausbildung machen. Sie verdienen eine Schule, die sie fit macht für die Arbeitswelt von morgen – egal, ob die in Miltenberg, Erlenbach oder Obernburg steht.
Die Entscheidung, die der Kreistag in den nächsten Monaten treffen wird, wird die Berufsbildung in der Region für die nächsten 20 bis 30 Jahre prägen. Wenn wir jetzt die falsche Wahl treffen, zahlen die Azubis von heute und morgen die Rechnung. Und die können sich eine unnötige Diskussion wirklich nicht leisten.
Häufig gestellte Fragen
Warum ist die Standortdebatte überhaupt entstanden?
Die Debatte entstand aus mehreren Faktoren: Die bestehenden Gebäude der Berufsschule in Miltenberg sind sanierungsbedürftig, die politischen Mehrheiten im Kreistag haben sich verschoben, und einige Gemeinden sehen in einem Neubau die Chance, sich als Bildungsstandort zu profilieren. Ursprünglich ging es um eine notwendige Sanierung, aber die Diskussion hat sich schnell verselbstständigt.
Welche Standorte werden konkret diskutiert?
Hauptsächlich drei Optionen: eine Sanierung des bestehenden Standorts in Miltenberg, ein Neubau in Erlenbach am Main und ein Neubau in Obernburg. Vereinzelt wird auch eine Aufteilung auf mehrere Standorte diskutiert, aber das ist politisch bisher nicht mehrheitsfähig. Die Entscheidung wird voraussichtlich im Laufe des Jahres 2026 fallen.
Wie hoch sind die tatsächlichen Kosten eines Neubaus?
Realistische Schätzungen liegen zwischen 25 und 35 Millionen Euro für einen kompletten Neubau mit Werkstätten, Laboren und Fachräumen. Hinzu kommen laufende Kosten für Betrieb und Instandhaltung von etwa 1,5 bis 2 Millionen Euro pro Jahr. Eine Sanierung des bestehenden Standorts würde dagegen etwa 8 bis 12 Millionen Euro kosten.
Was sagen die Auszubildenden selbst zu der Debatte?
In einer informellen Umfrage der Schülervertretung vom Herbst 2025 gaben 73% der befragten Azubis an, dass ihnen eine bessere digitale Ausstattung wichtiger sei als der Standort. Nur 22% sprachen sich klar für einen Umzug aus, wobei die Meinungen stark vom Wohnort abhingen. Die Schülervertretung hat sich offiziell für eine Sanierung mit dezentralen Lernorten ausgesprochen.
Gibt es Beispiele aus anderen Landkreisen, die zeigen, was funktioniert?
Ja, der Landkreis Kitzingen hat 2022 mit einer 12-Millionen-Euro-Sanierung des bestehenden Standorts gute Erfahrungen gemacht. Die Zufriedenheit der Azubis und Lehrer ist gestiegen, und die Anmeldezahlen sind stabil geblieben. Der Landkreis Lichtenfels hingegen hat 32 Millionen Euro in einen Neubau investiert und kämpft jetzt mit höheren Schulden bei gleichzeitig sinkenden Azubi-Zahlen. Das zeigt: Die teuerste Lösung ist nicht automatisch die beste.